Alte Freunde - Günter Grass bereist zum zweiten Mal den Jemen (10.-17.01.2004)

Günter Grass hält eine Lesung im Kulturzentrum Sanaa Bild vergrößern Günter Grass hält eine Lesung im Kulturzentrum Sanaa

Im Silbersuk der Altstadt von Sanaa: Günter Grass erscheint nach geraumer Zeit pfeiferauchend und sichtlich zufrieden in der Tür eines Ladens. Einer seiner Begleiter, der draußen gewartet hat, fragt: "Die Preisverhandlungen…?" Grass unterbricht ihn: "…sind abgeschlossen. Wir sind bereits beim Tee. Wir sind alte Freunde."
Günter Grass und der Jemen sind alte Freunde. Im Januar bereiste der Literaturnobelpreisträger das südarabische Land zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres. Es ging ihm darum, den Eindruck seiner ersten Reise zu vertiefen. Damals, im Dezember 2002, war Grass mit seiner Reise einer Strömung in Presse und Öffentlichkeit entgegengetreten, die mit ihrer einseitigen Fokussierung auf Aspekte des Terrorismus den Jemen in einen Abgrund aus ausbleibenden Touristen, wirtschaftlicher Rezession und zunehmendem Unverständnis gegenüber dem Westen zu reißen drohte. Damals setzte Grass ein Signal: Sein Besuch und die klare Botschaft, die er mit nach Hause brachte (er habe sich auf dieser schönsten Reise seines Lebens so sicher gefühlt "wie in Abrahams Schoß"), lösten Nachdenken in Deutschland aus und trugen nicht unmaßgeblich dazu bei, daß der Jemen wieder auf der Landkarte erschien, von der er schon fast verschwunden war.
Ganz anders standen die Vorzeichen des zweiten Besuches von Günter Grass vom 10. bis 17. Januar 2004. Grass kam, um fortzusetzen, was vor Jahresfrist begonnen worden war: Seine Lehmbauinitiative im Wadi Hadramaut, den Dialog mit arabischen Schriftstellern, sein Einsatz für die Freiheiten des Schreibens.

 

Ein Grass-Haus aus Lehm

Grass wäre nicht Grass, wenn er nur als Tourist durchs Land führe. Ganz wesentlich ging es ihm darum, das von ihm initiierte Günter-Grass-Zentrum zur Förderung und zum Erhalt des Lehmbaus im Wadi Hadramaut zu eröffnen und um weitere Unterstützung für den Erhalt der traditionellen Bauweise zu werben. Unermüdlich, mit der Sturheit eines Verliebten und mit dem Ernst eines Besorgten erwähnte er seine Initiative bei Ministern, Botschaftern und reichen Geschäftsleuten. Daß der Lehmbau im Hadramaut nun ein Haus und ein Zentrum hat, ist eine gute Nachricht, gleichwohl noch nicht seine Rettung vor Verfall und Verdrängung. Vielmehr bleibt jetzt die schwierige und langwierige Aufgabe, dieses Haus mit einer Berufsgenossenschaft der Lehmbauer auszufüllen, von der entscheidende Impulse ausgehen.

Zur Fortsetzung des Artikels